Harmonikafreunde Marzahn sind eingestimmt

Besinnliche Lieder im Advent

02.12.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Marzahn. Dunkel ist es geworden im alten Dorf Marzahn. Ein Haus jedoch ist voll beleuchtet. Aus den Fenstern dringt leise Musik auf die Straße – Weihnachtslieder, aber in einem ganz ungewöhnlichen Klangbild. Im KulturGut Marzahn proben die Harmonikafreunde Marzahn und stimmen sich mit Weihnachtsliedern auf die Adventszeit ein.

Sie treten besonders in Seniorenheimen auf und wollen dann natürlich auch die Lieder spielen, die die Bewohner mitsingen können. 25 Mitglieder hat der Verein Harmonikafreunde Marzahn e.V. Nicht alle spielen im Orchester mit. Der älteste Akkordeonspieler ist fast 83 Jahre alt, die jüngsten Mitte 20. „Ja, wir können durchaus Nachwuchs gebrauchen“, meint die Vereinsvorsitzende Annette Jäkel. Sie verweist auf die guten Zeiten des Vereins in den 50er Jahren. „Damals hatten wir über 90 Mitglieder und sogar eine Jugendgruppe.“

Vereine nach dem Krieg verboten
Den Verein gibt es schon seit 68 Jahren. Am 6. Januar 1946 wurde das „Akkordeon-Orchester Lichtenberg“ gegründet. Ernst Geserich wurde als erster Vorsitzender gewählt. Der Gründung war eine lange bürokratische Prozedur vorausgegangen, denn Vereine waren eigentlich knapp ein Jahr nach Kriegsende noch verboten. Doch allen widrigen Umständen zum Trotz beantragten zwölf Akkordeonspieler bei der Kulturkammer im Bezirksamt Lichtenberg eine Vereinsgründung und wurden registriert. Jeder Musiker musste den Nachweis erbringen, dass er Laienspieler ist und nicht der NS-Partei angehört hat. Das Amt für Volksbildung übernahm damals die Betreuung. Die russische Kommandantur genehmigte das Notenverzeichnis mit 58 Titeln. Bereits am 6. April gaben die Akkordeonspieler ihr erstes Konzert unter Leitung des Dirigenten Willy Schickgramm.

Spielen für Naturalien
Ein Jahr später, 3. Januar 1947, übernimmt Charles Grell die musikalische Leitung. Viele Besonderheiten weiß die Vereinsvorsitzende aus den Anfangsjahren zu berichten. So spielte das Orchester damals noch für Naturalien. Beispielsweise gab es für einen Auftritt in Neuruppin einen Bezugsschein für einen Kasten Brennholz. Auftritte im Haus des Rundfunks in der Masurenallee und bei den Volkskunsttagen beim Bund Deutscher Volksbühnen folgten.

Entscheidend waren die 50er Jahre, denn Vereine gab es eigentlich in der DDR nicht. Entweder waren es Kulturgruppen innerhalb von Kulturhäusern oder im Kulturbund. „Wir sollten uns dann im Jahr 1953 einem Großbetrieb anschließen“, erklärte Annette Jäkel. Doch das wollten die Vereinsmitglieder nicht. Und so blieben die Akkordeonspieler beim Kulturamt Lichtenberg. 1958 wird Horst Jäkel zum Vereinsvorsitzenden gewählt. Er war seit 1949 dabei und spielt heute den Bass im großen Orchester. 1960 hatte er mit drei anderen Musikern das erste Quintett innerhalb des Orchesters gegründet.

Musikalische Erfolge
Im Jahre 1970 verstirbt nach langer Krankheit der langjährige Dirigent Charles Grell am 6. Oktober. Harald Weingärtner wird zu seinem Nachfolger gewählt. Noch heute gibt er den Takt im Akkordeonorchester an. Er hatte bereits als 12-Jähriger Musikunterricht mit dem Akkordeon. Seine Musiklehrerin machte ihn auf das Lichtenberger Orchester aufmerksam. Seit 1953 ist er dessen Mitglied.

Das Jahr 1972 brachte erste Veränderungen für das Orchester. Das Kulturzentrum Biesdorf betreute nun die Akkordeonspieler. 1970 gehörte Biesdorf noch zum Bezirk Lichtenberg. Das machte aber auch musikalische Erfolge möglich, denn die künstlerische Einstufung erfolgte mit dem Prädikat „Mittelstufe gut“ und später sogar mit „Mittelstufe sehr gut“.

Zum 30. Jubiläum 1976 präsentierte sich das „Akkordeon-Orchester-Lichtenberg“ mit einem großen Festkonzert im Schloss Biesdorf. Beim Konzert tritt erstmals das Duo Marianne Poczatek & Harald Weingärtner auf. Beide sind heute noch dabei. Marianne Poczatek ist mit 15 Jahren schon Mitglied im Verein geworden, das war im Jahr 1950.

Die Gründung des Bezirks Marzahn im Jahre 1979 brachte auch für das Akkordeonorchester eine gravierende Veränderung. Die Musiker wurden nun plötzlich vom Kreiskabinett für Kulturarbeit in Marzahn betreut. Deshalb musste auch der Name geändert werden. Die Musiker wollten mit dem neuen Namen ihren verstorbenen ersten Dirigenten Charles Grell würdigen und seinen Namen tragen, doch das wollte die Bezirksverwaltung nicht. „Und so entschieden wir uns für den heutigen Namen „Harmonikafreunde Marzahn e.V.“, sagte Annette Jäkel. Ein Jahr später wird ein neues Quintett gegründet, das zehn Jahre lang bestehen bleibt.

Immer wieder Veränderungen
Auch die Wendezeit bringt wieder viel Neues. Kurz nach dem Fall der Mauer ziehen die Marzahner Musiker in Richtung Westen und geben am 25. November 1989 ihr erstes gemeinsames Konzert mit der „Akkordeon-Spielgemeinschaft Neukölln“ in der Wutzkyallee. Ein Jahr später treten dann die Neuköllner im Schloss Biesdorf auf. Seit dem 15. Januar 1992 sind die Harmonikafreunde Marzahn dann ein richtiger eingetragener Verein und werden als gemeinnützig anerkannt.

Die Harmonikafreunde Marzahn sind heute immer noch bei vielen Veranstaltungen im Bezirk mit dabei, geben Konzerte in der Kirche im Wuhlgarten, in Seniorenheimen und in der Studiobühne. Auch in anderen Bezirken, beispielsweise in Friedrichshain-Kreuzberg, sind sie zu sehen und zu hören.

Neue Mitspieler sind immer gern gesehen. „Aber sie müssen schon eine Ausbildung haben“, meint Annette Jäkel, „vor allem sollten sie sicher Noten lesen können.“ Alles andere kommt dann schon im Zusammenspiel mit den anderen Musikern. Das erste Konzert für das kommende Jahr steht jetzt schon fest. Am 18. April spielen die Harmonikafreunde Marzahn um 15 Uhr in der Kirche im Wuhlgarten. Und dann wollen sie sich mit vielen Ideen auf ihr großes Jubiläum im Januar 2016 vorbereiten, wenn dann der Verein seinen 70. Geburtstag feiert.

Weitere Informationen: www.Harmonikafreunde-Marzahn.de

 

 

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