Zwischen Stadt und Land

Bekloppte gibt es überall

03.09.2017, Marcel Gäding

Nicht Land ohne Sonne, sondern Landkreis Oder-Spree... Raser und Dummköppe gibt es aber sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Foto: Marcel Gäding

Autofahren in der Stadt ist Stress. Das war auch schon vor ein paar Jahren so, als Berlin noch nicht so angesagt war. Und was haben wir uns aufgeregt, wenn einer dieser Dorfdödel mal wieder mit seinem fahrbaren Untersatz durch Mitte, Charlottenburg oder Reinickendorf fuhr – im Schneckentempo und aus Angst, einen Unfall zu bauen. Gerne haben wir Verkehrsteilnehmer mit einem BAR, LOS oder OHV am Nummernschild angehupt oder sie Kopf schüttelnd überholt. Der Erregungsfaktor jedenfalls war groß. Bei uns. Und bei den Knallköppen aus Brandenburg, die wahrscheinlich Blut und Wasser geschwitzt haben.

Jetzt wohnen wir seit zwei Jahren (wieder) auf dem Dorf. Als die Frau in der Kfz-Zulassungsstelle fragte, ob wir unser Berliner Nummernschild behalten oder ein Nummernschild mit LOS haben wollen, haben wir uns für Letzteres entschieden. Wenn schon Dorf, dann richtig. Vorweg können wir sagen: In Berlin wurden wir noch nicht angehupt. Wir kennen ja das Tempo der Stadt, sind mit den Haupt- und Nebenstraßen vertraut und wissen, wo man auch in dicht besiedelten Wohngebieten noch einen Parkplatz findet. Heimische Berliner können sich also nicht beklagen.

Schleichende Opas, landverliebte Berliner

Seit zwei Jahren haben wir aber auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause auch genug Zeit, die verschiedenen Autofahrertypen zu studieren. Das ist vermutlich so ein Reflex, wenn man sich zuvor über die Fahrweise Anderer aufgeregt hat. Als neulich vor uns ein Auto fuhr, dessen Nummernschild mit den Ziffern 1945 endete, ahnten wir schon: Da kann nur was Altes drin sitzen. Auf einer 100er-Strecke fuhr Opa seine 60 Stundenkilometer, völlig unbeeindruckt davon, dass sich hinter ihm allmählich eine Autoschlange bildete. „Hoch erfreut“ sind wir auch über die Sonntagsberliner, die sich nur am Wochenende hinters Steuer setzen. Einige von denen haben bis heute nicht kapiert, dass man bei freier Fahrbahn nicht auf der Beschleunigungsspur der Autobahn bremst. Andere tuckern genüsslich über die Alleen, um dann – ohne natürlich zu blinken – mal eben nach einer spontanen Bremsaktion an den Straßenrand zu fahren. Meist fotografieren sie Kühe, Kornblumen oder Kastanien. Geparkt wird, wo es passt – das darf auch schon mal auf einem Waldweg sein, der im Ernstfall bei Waldbränden eine wichtige Zufahrt für die Feuerwehr darstellt. Und dann wollen wir als Grund für unsere ständigen Schimpftiraden auch nicht jene vergessen, die permanent auf einer dreispurigen Autobahn mittig fahren, obwohl rechts alles frei ist. Dass es immer noch viele Hirnies gibt, die den Sinn einer Rettungsgasse nicht verstanden haben, lassen wir mal außen vor – bevor allein beim Schreiben die Wut hochkommt. Und auch die Kaste der sich überschätzenden Motorradfahrer wollen wir verschonen. Was wir nur sagen wollen: Bekloppte gibt es überall.

Eines aber haben Großstädter und Landeier oft gemein: Wenn sie mit ihren Schlitten durch die Dörfer düsen, gehen viele von ihnen selten auf die Bremse. Da donnern dann Holzlaster, Angeber-Cabrios junger Unternehmer oder tiefergelegte Audis durch unsere idyllischen Orte. Ein Wunder, dass da noch nichts passiert ist. Zu gern würden wir die Damen und Herren dann aus ihren Autos ziehen, ihnen eine ordentliche Backpfeife verabreichen und den Zündschlüssel ins Maisfeld werfen. Wir haben auch schon dem Polizeipräsidium ein Plätzchen vor dem Haus angeboten, um die in Form eines VW Caddys getarnten Blitzer vor unserer Tür aufzubauen. Den Kaffee würden wir gerne spendieren.

Dabei brauchen wir die Polizei eigentlich gar nicht. Im Frühjahr haben wir unser schönes Dorf in der Dämmerung fotografiert – Spiegelreflexkamera, Stativ, Langzeitbelichtung. Weil so etwas Zeit und Geduld braucht, standen wir am Straßenrand, Auge am Sucher und wartend, bis ein Auto kommt. Die Rücklichter geben nämlich bei einer längeren Belichtungszeit einen wunderbaren roten Streifen her. An jenem Abend fuhren alle brav 50 oder sogar noch langsamer. Lange muss man nicht raten, warum. Sie dachten, wir messen die Geschwindigkeit.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie vier Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Jeden Tag verbringt er auf dem Weg zur Arbeit und zurück mindestens 130 Minuten im Auto. Manchmal auch mehr.

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