Sanierung von Gebäuden beeinträchtigt die Vogelwelt in Berlin

Bedrohter Lebensraum

09.06.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1,-5-8), Angelika Paul (2-4), Nabu Landesverband Berlin (9-10). Vergrößern - klick auf Hauptbild.

Marzahn-Hellersdorf/Berlin. Es war eine Schreckensnachricht für Naturfreunde: Bei Fassadensanierungen durch die Genossenschaft „Grüne Mitte“ in Hellersdorf wurden durch Bauarbeiter lebende Jungstare in ihren Nestern einzementiert, LiMa+ berichtete. Nur weil aufmerksame Anwohner die Feuerwehr riefen, konnte ein Teil der Vögel gerettet werden. Andere Küken starben. Die Anwohner haben vorbildlich reagiert, sagt Katrin Koch, Naturschutzreferentin des Naturschutzbundes (Nabu) Berlin. Das Geschehen im Siedlungshof 6 der „Grünen Mitte“ an der Kyritzer/Fercher Straße wertet sie zwar als einen „bedauerlichen Einzelfall“, generell aber sei bei Sanierungsarbeiten an Gebäuden Wachsamkeit geboten.

Gebäude als „Kunstfelsen“

Denn durch das Verschließen von Löchern, Spalten und Lüftungsöffnungen an Wohn- und anderen Häusern verschwindet der Lebensraum für Gebäudebrüter wie Stare, Haussperlinge, Mauersegler und Fledermäuse. Diese nutzen Gebäude als „Kunstfelsen“ zur Aufzucht ihrer Jungen, als Schlaf- und Zufluchtsplatz. Mit dem Projekt „Artenschutz am Gebäude“ informiert der NABU Bauherren, Architekten und Mieter darüber, wie die naturschutzfachlichen Anforderungen bei Bau- und Sanierungsmaßnahmen erfüllt werden können. Nach Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes sind die einheimischen Vögel streng geschützt, ebenso ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Bei Baumaßnahmen kann eine Befreiung von den Verboten des Naturschutzgesetzes erfolgen. „Dafür gelten strenge Auflagen“, sagt Katrin Koch. So müssen die Arbeiten vorab der Unteren Naturschutzbehörde zur Genehmigung angezeigt werden, ein Sachverständiger muss prüfen, welche Niststätten vorhanden sind und welche Ersatzmaßnahmen (Schaffung neuer Nist- und Zufluchtsstätten) erforderlich sind. Brütende Vögel und Jungtiere dürfen dabei nicht zu Schaden kommen. Erst nach diesem Verfahren ist eine Befreiung möglich, siehe auch: Gesetzlicher Schutz von Gebäudebrütern.

Extra Meldebogen für Bürger

„Das läuft in Berlin aus unserer Sicht schon recht gut“, sagt Katrin Koch. Deshalb sei es unter anderem anders als beispielsweise in Hamburg gelungen, die Bestände der Haussperlinge (Spatzen) noch stabil zu halten. Allerdings sei auch die Hauptstadt keine heile Welt, wie das Hellersdorfer Beispiel gezeigt habe. Mit der Artenschutz-Kampagne habe der Nabu ein Instrument entwickelt, das die Bürger dafür sensibilisiere. „Insbesondere machen wir die Bürger darauf aufmerksam, welche Möglichkeiten es gibt, bei Sanierungsvorhaben die artenschutzrechtlichen Belange in den Bauablauf zu integrieren bzw. mögliche Gefährdungen von Nist- oder Zufluchtsstätten zu melden“, sagt Katrin Koch. Es wurde extra ein Meldebogen entwickelt, den Anwohner oder andere Bürger ausdrucken können, wenn ihnen durch Bau- oder Sanierungsmaßnahmen gefährdete Quartiere von Gebäudebrütern bekannt sind. Dieser sollte dann an die Untere Naturschutzbehörde (bei den jeweiligen Bezirksämtern) gesandt werden.

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft tätig

Im Fall der einzementierten Vögel von Hellersdorf dauern laut Wirtschaftsstadtrat Johannes Martin (CDU), der auch für Umwelt und Naturschutz zuständig ist, die Ermittlungen der Polizei noch an. Im Rahmen der Ermittlungen wird geprüft, ob es sich um eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit handelt. Eine Straftat, so Martin, wäre es beispielsweise, wenn die Tötung ohne vernünftigen Grund, vorsätzlich oder gegen eine streng geschützte Art erfolgt. Ansonsten wäre es eine Ordnungswidrigkeit. „Die Tötung der Tiere ist unstrittig, allerdings sind die Ermittlungen zu den Hintergründen und den Verursachern noch nicht abgeschlossen. Bei Vorliegen einer Straftat würden die weiteren Schritte durch die Staatsanwaltschaft erfolgen.“ Bei einer Ordnungswidrigkeit würde der Bezirk das Verfahren führen. Am 19./20. Mai soll es zu einem weiteren Verstoß auf der Baustelle gekommen sein. „Auch hier sind die Ermittlungen der Polizei noch nicht abgeschlossen“, teilt Martin mit. Allerdings stelle sich die Sachlage etwas anders dar, da sich dies an einem eingerüsteten Bereich ereignete. „Es gibt in diesem Fall eine Stellungnahme eines Gutachters, der die Bereiche kurz zuvor untersucht hat und keine aktiven Nester bzw. darin befindliche Tiere festgestellt hat.“ Martin sagt, dass seines Wissens trotz anders lautender Meldungen in einigen sozialen Medien keine Tiere zu Schaden kamen. Das könne er aber nur unter dem Vorbehalt der Entwicklungsergebnisse vermuten.

Zu den in Berlin vorkommenden Gebäudebrütern zählen laut der Obersten Naturschutzbehörde bei der Senatsumweltverwaltung: Turmfalke, Mauersegler, Hausrotschwanz, Haussperling, Mehlschwalbe, Rauchschwalbe, Schleiereule, Fledermaus sowie gelegentlich Bachstelze, Grauschnäpper, Gartenrotschwanz, Star und Kohlmeise.

 

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