Drinnen + draußen

Ausgeliehen und achtlos abgestellt

29.04.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel,(1-4, 6), Volkmar Eltzel (5)

Radfahren ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch gesund: Wer tüchtig in die Pedale tritt, hat mehr vom Leben, stärkt Muskeln und Kreislauf. Diese Binsenwahrheit ist inzwischen bei vielen Leuten angekommen. Immer mehr Männer, Frauen und Kinder strampeln, um in der Stadt und im Umland ohne Benzin und Diesel vorwärts zu kommen. Nicht nur bei Radtouren am Wochenende. Um noch mehr Menschen den Umstieg auf diese Beförderungsalternative schmackhaft zu machen, hat die Stadt Berlin ein Fahrradverleihsystem der Firma Nextbike kräftig gefördert – an vielen Stationen innerhalb des S-Bahnrings (und an acht Orten in Lichtenberg als einzigem Punkt außerhalb des Rings) stehen seit 2017 einige Tausend Leihfahrräder bereit. Und schnell wurden danach weitere Anbieter tätig: Lidl macht jetzt nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Leihrädern Kasse, es stehen Räder von Donkey Republik und einigen weiteren Firmen herum. Auf rund 16.000 wird die Zahl der Leihfahrräder in Berlin inzwischen beziffert, weitere könnten noch dazukommen. Auch in Marzahn-Hellersdorf, wenn es nach Grünen und Linken geht: Diese hatten schon 2017 gefordert, das Fahrrad-Verleihsystem auf den Außenbezirk auszudehnen. Und am vergangenen Donnerstag wurde ein entsprechender Antrag des Umweltausschusses in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen: Das Bezirksamt soll sich gegenüber dem Senat dafür einsetzen, dass das Nextbike-System auch in den Außenbezirken etabliert wird. Schließlich ist Fahrradfahren trendy.

Stadtbild wird verunstaltet

Doch ein Blick in die Berliner City zeigt: Das Geschäft mit den Bikes verläuft nicht gerade problemlos. Zumindest nicht für die Hauptstädter selbst. Weil man die Räder nach Benutzung meist überall abstellen kann (nur bei einigen Anbietern werden innerhalb des Rings meist geringe Gebühren fällig, wenn sie nicht wieder zu den Stationen gebracht werden), drängen sich auf Gehwegen und Plätzen, vor Eingängen zu Geschäften und Veranstaltungsstätten inzwischen immer mehr Leihfahrräder. Sie versperren Passanten den Weg, verunstalten das Stadtbild, sorgen für Ärger.

Mal nach Zürich schauen

Es scheint deshalb wohl kaum der richtige Weg zu sein, das planlos so weiter zu betreiben. Schließlich setzen erfahrungsgemäß die allermeisten Berliner auf eigene Räder (für die mehr ordentliche und sichere Abstellflächen gebraucht werden, bessere Radwege sowieso). Und um Touristen das Radeln durch die City und zu Sehenswürdigkeiten der Außenbezirke wie die „Gärten der Welt“ schmackhaft zu machen, könnte man statt Tausender kostenpflichtiger Leihräder, die zunehmend den öffentlichen Raum verschandeln, ein Gratis-Angebot unterbreiten. So macht es die Schweizer Metropole Zürich unter dem Motto „Züri rollt“ schon seit Jahren. An drei Stationen in der Stadt stehen in der Saison Bikes zum Leihen bereit, am Hauptbahnhof sogar das ganze Jahr. Lediglich den Personalausweis und ein Depot von 20 Franken braucht’s, und schon kann’s losgehen. Stehenlassen, wo es gerade passt, dürfen die Nutzer das Rad allerdings nicht. Dann ist nämlich nicht nur das Depot weg, sondern es wird auch ein kräftiges Ordnungsgeld gefordert (die Adresse des Nutzers ist schließlich bekannt). Auf den ersten Blick kommt das Zürcher System die Stadt zwar teuer. Doch es hilft, das Stadtbild ordentlich zu halten und ist gleichzeitig beste Werbung für eine fahrradfreundliche Metropole. In Berlin festigt das bisherige Vorgehen nur den Ruf einer Stadt, wo jeder seinen Ramsch hinterlassen kann, wie und wo er will. Und übrigens ist die mit rund 7,5 Millionen Euro durch den Senat subventionierte Einführung des Nextbike-Systems auch nicht gerade billig gewesen.

Nicht jeder Trend ist auch einer

Seien wir angesichts der innerstädtischen Erfahrungen also froh, dass es in Lichtenberg bisher nur relativ wenige Rent-a-Bike-Möglichkeiten gibt, in Marzahn-Hellersdorf so gut wie gar keine (außer einigen inzwischen vor den “Gärten der Welt” platzierten Leihrädern). In Marzahn-Hellersdorf wurde übrigens schon im Jahr 2014 der Versuch unternommen , einen Fahrradverleih aufzubauen. Doch die Räder, die der Besitzer eines Kioskes am U-und S-Bahnhof Wuhletal auf Wunsch des Bezirks vorhielt, wurden nicht genutzt – und verschwanden still und leise wieder. Merke: Nicht jeder viel beschworene neue Trend ist auch einer. So mancher besteht den Realitätscheck nicht.

 

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