Noch steht das Kunstwerk im Marzahner Atelier seiner Schöpferin

Atlas trägt die neue Welt

15.07.2016, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Marzahn. Ein beeindruckendes Werk der aus Frankreich stammenden Künstlerin Kerta von Kubin steht kurz vor seiner Fertigstellung. In ihrer „Kunstwerkstatt Marzahn“ (KWM ) auf dem Gelände der Alten Börse Marzahn führte die 26-Jährige vor wenigen Tagen die letzten Arbeiten aus. Die 2,20 Meter hohe Stahl-Skulptur steht im Zentrum des Ateliers auf Betonfüßen. Ein alter Mann ächzt unter der Last, die er sich – einem Kreuz gleich – auf den Rücken geladen hat. Noch ist es eine Halbkugel. Die zweite Hälfte kann erst aufgesetzt werden, wenn der alte Mann das Atelier verlässt. Denn die Deckenhöhe reicht nicht aus. Nach der Fertigstellung entsteht eine Kugel von über einem Meter Durchmesser, bestehend aus unzähligen kleinen Münzen. „Es sind rund 15.000 Ein- und Zwei- Cent-Stücke“, sagt die kreative, junge Frau. „Alles Spenden von Freunden und Bekannten.“ Über 30.000 Schweißpunkte musste sie setzen, damit sich Cent an Cent reihte und das Gebilde formte. Zwei Jahre hat sie daran gearbeitet, mit Unterbrechungen natürlich, „je nachdem wie der Nachschub an Münzen hereinkam“.

Das Bild im Kopf
Die Skulptur selbst schuf sie dann innerhalb von knapp drei Monaten aus zwei bis drei Millimeter dicken Stahlplatten. Die lavaartige, feine Oberflächenstruktur erzeugte die Künstlerin durch punktuelle Metallverflüssigung mithilfe eines Plasma-Gerätes, das sonst als Schneidwerkzeug eingesetzt wird. „Das Bild hatte ich schon von Anfang an im Kopf“, sagt Frau von Kubin. Die Ideen für die Kunstwerke entstünden meist nach einem nächtlichen Traum und seien oft der Mythologie entlehnt, denn darin liege viel Wahrheit. „Ich versuche aber immer, einen zeitgenössischen Bezug herzustellen“, erklärt sie und nennt das Kunstwerk: „Atlas trägt die neue Welt“. Eine Vorab-Zeichnung gebe es nicht, die Vorstellungen würden sozusagen live vom Kopf in die Realität umgesetzt. „Ich kann nämlich gar nicht gut zeichnen“, gesteht die Künstlerin bescheiden lächelnd. Dafür hätte sie während der Entstehungsphase oft zu dem alten Mann gesprochen, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Wo der Atlas einmal stehen soll, weiß Kerta noch nicht.

Zwei Wochen Toskana
Ein weiteres Kunstwerk ist bereits in Arbeit. Eine Hand, die aus einem Baum „herauswächst“ hält – gleich der Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit, Justitia, – eine Waage, auf der böse Wörter gegeneinander abgewogen werden. Jedoch muss die Fertigstellung erst einmal warten. Denn die Künstlerin, die 2013 vom damals geräumten Künstlerhaus „Tacheles“ an der Oranienburger Straße zur Alten Börse Marzahn kam, reiste am Mittwoch, 13. Juli, erst einmal für zwei Wochen in die Toskana. Nicht um Urlaub zu machen, sondern um im Rahmen eines Kulturaustausches der Gesellschaft, Fondazione Grosseto Cultura, unter italienischer Sonne mit anderen Kollegen Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam an einem Kunstwerk zu arbeiten. Von Kubin hofft, dass sie dort ihren italienischen Künstlerkollegen Claudio Greco wiedertrifft, mit dem sie lange Zeit in ihrer Werkstatt zusammenarbeitete. Ihr Traum ist, dass ihre vielen großen und kleinen Kunstwerke einmal zusammen in einem großen Raum „vielleicht zunächst in der City und dann in Marzahn-Hellersdorf“ ausgestellt werden können und dass sich dann das ein oder andere auch verkauft. Die mittlerweile weit über den Bezirk hinaus bekannte, kreative Frau, verdient sich ihren Lebensunterhalt zu einem großen Teil mit Kunstkursen für Kinder, mit dem Verkauf von selbst hergestelltem Metallschmuck sowie mit in Auftrag gegebenen stählernen Gebrauchsgegenständen.

Weitere Informationen unter kunstwerkstatt-marzahn.de und kertavonkubin.com

 

 

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