Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen in Marzahn-Hellersdorf

Arme Kinder mit großen Defiziten

06.06.2017, Linna Schererz

Fotos: Birgitt Eltzel

Petra S.* ist seit 30 Jahren Lehrerin in Marzahn-Hellersdorf: Seit mehr als 20 Jahren unterrichtet sie an der selben Grundschule im Marzahner Norden. Sie sagt, der Schule gelinge es nicht mehr, die Defizite auszugleichen, die schon bei der Einschulung mitgebracht würden: schwieriges Sozialverhalten, wenig Empathie, zu geringer Lernwille. „Die schlechten Voraussetzungen aus dem Elternhaus kann die Schule nicht aufholen.“ Vor etwa zehn Jahren habe ein Umbruch begonnen: „Seitdem ist es rapide bergab gegangen, Jahr für Jahr.“ Sie hat Zensurenspiegel gesammelt. Gab es früher beispielsweise bei Aufsätzen im Schnitt in einer Klasse fünf mit der Note 1, könne diese heute kaum noch erteilt werden. „Inzwischen sind Zweien und Dreien bei uns schon Bestnoten.“ Viele Kinder könnten in der dritten Klasse nicht die Uhr lesen, ihr Geburtsdatum nicht nennen. Die meisten Mädchen und Jungen seien unkonzentriert, weil sie schon vor Unterrichtsbeginn fernsehen und sich ungesund ernährten. „Manche Kinder haben statt gesunder Pausenbrote dicke, pappige Toastbrotscheiben mit und gesüßte Getränke. Andere bringen gar nichts mit, etwa 30 Prozent haben nicht einmal zu Hause gefrühstückt.“ Viele Eltern hätten keinen Job, manche sogar noch nie einen gehabt, und seien nicht in der Lage, einen geregelten Tagesablauf für ihre Kinder zu organisieren. Gemeinsame Gespräche, Vorlesen oder Liedersingen fehlten bei diesen Familien. Bei anderen Eltern, die in Lohn und Brot stünden, laufe es oft nicht viel besser. „Sie haben kaum Zeit oder nehmen sich diese nicht.“ Manche Kinder lehnten das Lernen völlig ab: „Ich werde sowieso Hartz IV“, dieser Spruch falle nicht selten. Petra S. sagt: „Das zehrt auch an den Nerven der Lehrkräfte.“ Diese Entwicklung tue richtig weh. Sie kritisiert, dass es zu wenig Lehrer und anderes Fachpersonal an Schulen in sozialen Problemgebieten gibt. Diese Schulen seien bei der Personalsuche zudem weitgehend auf sich gestellt. „Wenn Absolventen hören, dass sie nach Marzahn, Hellersdorf oder Spandau gehen sollen, winken sie oft ab.“ Mindestens zehn Prozent der Kinder an ihrer Schule werden größte Schwierigkeiten haben, überhaupt jemals einen  Ausbildungsplatz oder Job zu finden, befürchtet Petra S.
*Name von der Redaktion geändert

Erschreckender Bericht zu den ABC-Schützen 2015/2016

Marzahn-Hellersdorf. In den Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf leben Kinder mit den berlinweit höchsten Entwicklungsdefiziten. Überdurchschnittlich viele Mädchen und Jungen wachsen dort im Berlin-Vergleich unter ungünstigen sozialen und familiären Bedingungen auf. Sie sind zu dick, haben schadhafte Zähne, eine mangelhafte Visuomotorik (Koordinierung von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat) und schlechte sprachliche Fähigkeiten, heißt es im Bericht über die Einschulungsuntersuchung für das Schuljahr 2015/2016. Zudem weisen sie mehr emotional-soziale Auffälligkeiten auf als ihre Altersgefährten in anderen Ortsteilen des Bezirks und in anderen Berliner Bezirken. Bestwerte erreicht Marzahn-Hellersdorf lediglich im Impfstatus: Die Kinder haben den höchsten Durchimpfungsgrad aller zwölf Bezirke.

In den Siedlungsgebieten gesünder

Der kürzlich vom Bezirksamt vorgelegte Bericht zeichnet ein ernüchterndes Bild: Marzahn-Hellersdorf ist und bleibt zweigeteilt. Auf der einen Seite die Siedlungsgebiete von Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf mit hohem Sozialstatus und entsprechend gut entwickelten, gesunden Kindern, auf der anderen die Großsiedlungen, in denen sich das Zusammenballen sozialer Problemlagen auch in starken Entwicklungsdefiziten der künftigen Erstklässler manifestiert. Dabei sind diese nicht allein auf die Zunahme von Menschen mit Migrationshintergrund zurückzuführen. Wegen der bisher noch erschwinglichen Mieten siedeln sich in den Großsiedlungen auch immer mehr bildungsferne Herkunftsdeutsche mit schwachem Sozialstatus an. „Kinder, deren Eltern über einen geringen Bildungs- und Erwerbsstatus verfügen, sind in ihrem häuslichen Umfeld eher ungünstigen Bedingungen und gesundheitsrelevanten Risikofaktoren ausgesetzt und weisen häufiger Entwicklungsverzögerungen und -störungen auf“, heißt es im Bericht.

Großsiedlungen differenziert zu betrachten

Jedoch sind auch die Großsiedlungen, in denen 77 Prozent der 2015 untersuchten Kinder leben, differenziert zu betrachten. Wie bereits seit Jahren haben sich bei der Einschulungsuntersuchung 2015 erneut die gravierendsten sozialen Problemlagen und die daraus resultierenden gesundheitlichen Risiken in den Bezirksregionen Marzahn-Nord, Hellersdorf-Nord und Hellersdorf-Ost gezeigt. Neu hinzugekommen sind gehäufte Problemlagen auch in Hellersdorf-Süd. „In diesen vier Bezirksregionen sind die Schwerpunkte gesundheitlicher Prävention und Förderung zu setzen“, konstatiert der Bericht, den die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) auf ihrer Tagung am 18. Mai zur Kenntnis nahm.

Fast alle Kinder sitzen täglich vor der Glotze

Der Anteil der Kinder, die in Marzahn-Hellersdorf unter ungünstigen sozialen und häuslichen Bedingungen aufwachsen, ist laut Bericht höher als in den meisten anderen Berliner Bezirken. Dort gibt es von allen Bezirken den höchsten Anteil an: Alleinerziehenden, Fremdunterbringungen, Raucherhaushalten sowie Kinder mit Fernsehgerät im Kinderzimmer und täglichem Fernsehkonsum (95,3 Prozent; davon 6,4 Prozent mehr als zwei Stunden).

Herkunftsdeutsche Kinder häufiger mit emotional-sozialen Problemen

Bei Kindern ohne Migrationshintergrund, so wird festgestellt, gibt es „häufiger emotional-soziale Auffälligkeiten“ als bei Kindern mit Migrationshintergrund. Letztere haben weiterhin Sprachdefizite, auch wenn sich ihre Deutschkenntnisse im Vergleich zu den Vorjahren verbessert haben. Und sie sind oft dicker als die herkunftsdeutschen Fünf- bis Sechsjährigen. In der Körperkoordination haben die guten Testergebnisse von Kindern mit Migrationshintergrund allerdings dazu geführt, dass sich die Durchschnittswerte gegenüber dem Vorjahr nicht verschlechtert haben. Denn dabei wiesen die Herkunftsdeutschen schwächere Werte auf.

Individuelle Förderempfehlung für 60 Prozent

„Kinder benötigen für die Entwicklung ihrer motorischen, geistigen und sprachlichen Entwicklung Anregung und Förderung. Diese finden sich vor allen bei bildungsfernen Familien nicht immer in ausreichendem Maße“, heißt es im Bericht. Fast 60 Prozent aller Mädchen und Jungen erhielten bei der Einschulungsuntersuchung 2015 in Marzahn-Hellersdorf eine individuelle Förderempfehlung.

Der Bericht steht zum Download bereit.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden