Ein Unternehmen mit gleich mehreren erstaunlichen Innovationen

Afrikanischer Wels aus Lichtenberg

24.10.2016, Volkmar Eltzel

© Bildagentur PantherMedia / neryx (Foto 1), Volkmar Eltzel (Foto 2-9). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Lichtenberg. Sie produzieren frischen afrikanischen Wels, nachhaltig, mitten in Berlin. Neun festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die In-vitro-tec GmbH am Rande des Landschaftsparks Herzberge an der Allee der Kosmonauten. „Mit unseren Partnern, der TopFarmers GmbH und der Blue Economy Solutions GmbH aus Karlshorst haben wir bisher eine Tonne unter Laborbedingungen gezüchtet“, sagt Frank Lewitz, der Geschäftsführer des Unternehmens, das mit dem Zusatz „Gesellschaft zur Pflanzenvermehrung für den Umweltschutz mbH“ firmiert. Mit der sogenannten AquaTerraPonik-Technologie werden Obst und Gemüse auf relativ kleinem Raum angebaut – in Verbindung mit der Zucht von Speisefischen. Die nährstoffreichen Abwässer der Fischzucht dienen den Pflanzen als natürlicher Dünger. Die Pflanzen wiederum reinigen das Wasser. Es sei bewiesen, dass das Prinzip funktioniere, so Lewitz. Ohne irgendwelche Zusätze, ohne Pestizide. Die Technologie gilt unter Experten als Revolution im Agrarwesen.

Bald Fisch und Gemüse für 30.000 Menschen

Jetzt warte man auf die Umbaugenehmigung vom Bezirksamt für eine zweite Halle. „Dann werden auf zweieinhalbtausend Quadratmetern jährlich 50 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse produziert“ erklärt der Geschäftsführer. Eine Menge, die für die Versorgung von 30.000 Menschen ausreiche. Der Bezirk unterstütze das Vorhaben. Aber In-vitro-tec befindet sich am Rande des Landschaftsschutzgebietes Herzberge. Vorschriften und Bestandsschutz müssen eingehalten werden. Es dürfe weder einen Hofladen, noch schädliche Auswirkungen auf den Landschaftspark geben. Die Ware werde direkt an Hotels und Gaststätten oder an den Großhandel geliefert, so der Unternehmer. Der Bauantrag liege schon seit Mai beim Amt. „Wir stehen in den Startlöchern“, denn bis zum Beginn der Internationalen Gartenausstellung IGA 2017, die im April in Marzahn-Hellersdorf eröffnet wird, soll schon alles fertig sein. Schließlich ist In-vitro-tec mit seinen Partnern dort auch mit einem Stand vertreten. Man hofft, dass Neugierige das Unternehmen besuchen, denn der Landschaftspark ist Außenstandort der IGA.

Nominierung für „ecodesign 2016“

Für das neue Produktionsverfahren werden entsprechende Fachleute gebraucht. „Wir bilden selber aus“, informiert Frank Lewitz. Vielleicht gebe es bald den neuen Beruf eines Stadt-Farmers. Für ihr zukunftsweisendes Projekt sind die In-vitro-tec GmbH und die TopFarmers GmbH aus Karlshorst für den „ecodesign 2016“ nominiert, ein Preis des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie des Umwelt Bundesamtes, der am 28. November verliehen wird.

Dämmplatte aus nachwachsendem Rohstoff

Frank Lewitz und Markus Haastert von der Blue Economy Solutions GmbH, ebenfalls aus Karlshorst, haben noch mehr erstaunliche wie kreative Projekte vorzuweisen: Zusammen mit dem Bauphysiker Prof. Dr. Hans-Volker Huth von der Hochschule für Technik und Wirtschaft entwickelten sie eine umweltfreundliche, klimaneutrale Dämmplatte aus dem nachwachsenden Rohstoff Miscanthus, einer Art Schilf, das sie auf dem Gelände anbauen. Das Produkt, getrocknet, geschnitten, mit biologisch abbaubarem Brandhemmer und Klebstoff zusammengepresst, hängt in verschiedenen Farben am Eingang des Unternehmens. „Ein Patent für das Nischenprodukt haben wir schon“, erklärt Frank Lewitz. „Nun sind wir im Baustoff-Zulassungsverfahren, das kann bis zu zwei Jahre dauern.“ Die Howoge Wohnungsbaugesellschaft mbH verwendet die neuen Dämmplatten bereits in einem Pilotprojekt und testet dabei deren Eigenschaften.

Bananen und Austernpilze…

„Nebenbei“ werden bei In-vitro-tec aber auch Bananen angebaut und zu üblichen Bio-Produkt-Preisen vertrieben. Das Abfallprodukt einer Berliner Kaffeerösterei und die Kaffeereste des in der Nähe befindlichen Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge werden erhitzt und dann als Nährboden aufbereitet, um frische Austernpilze zu produzieren. Die Pilze und das Pilzmyzel zum Selberzüchten werden dann verkauft. In-vitro-tec produziert aber auch pflegearme und robuste Pflanzen für Dachbegrünungen und zur Wasserreinigung durch Pflanzen, beispielsweise für natürliche Wasserfilter in Kläranlagen. Außerdem sind die Mitarbeiter nicht selten in Berliner Naturschutzgebieten unterwegs. Dort beseitigen sie per Hand Pflanzen, die dort eigentlich nicht hingehören, wie zum Beispiel den Knöterich.

Chance für Arbeitslose

Neben dem streng nach betriebswirtschaftlichen Kriterien arbeitenden Unternehmensteil gibt es noch einen weiteren. In-vitro-tec arbeitet im Rahmen von MAE-Maßnahmen (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) mit dem Jobcenter Lichtenberg zusammen, um 35 jungen arbeitslosen Menschen die Chance zu geben, wieder in den Arbeitsmarkt zurück zu finden. Sie arbeiten in einem Schaugarten, in dem Schnittblumen gesät, gepflegt und geerntet werden. „Einige Jugendliche haben wir schon in unser Team mit Festanstellung übernommen“, sagt Frank Lewitz, der seit drei Jahren der Geschäftsführer des Unternehmens ist.

Lichtenbergs Bundestagsabgeordneter, Dr. Martin Pätzold (CDU), der regelmäßig auf Wahlkreistour durch seinen Bezirk ist, war kürzlich auch bei In-vitro-tec zu Besuch und zeigte sich von den Projekten und Vorhaben schwer beeindruckt: „Die Sache mit dem Fisch und dem Gemüse muss ich unbedingt meiner Partnerin erzählen, die immer sehr auf gesunde Ernährung und nachhaltig produzierte Kost achtet“, sagte er.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden