Verlagsgruppe will von Lichtenberg ins Zentrum Berlins hineinstrahlen

ANTHEA – „Die Aufblühende“

12.04.2018, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel

Lichtenberg. In dem unscheinbaren Wohnhaus an der Hubertusstraße 14 hat ein besonderes Unternehmen seinen Sitz. Parterre und im ersten Stock befinden sich die Räume der ANTHEA Verlagsgruppe des gebürtigen Lichtenbergers Detlef W. Stein. Seit dem Frühjahr 2017 bildet sie das Dach für gleich drei Verlage:

Für den Osteuropa Zentrum Berlin – Verlag. Er ist angegliedert an das gleichnamige Zentrum im Stasi-Museum (Forschungs- und Gedenkstätte) in der Ruschestraße und gibt seit 2008 fachwissenschaftliche Literatur zu Ost- und Südosteuropa heraus. Gerade erschien das Buch „Spione wie ihr“, Groteskes und Kurioses in der geheimen Welt zwischen DDR und Polen 1970 – 1989, geschrieben von dem Politologen Dr. Tytus Jaskułowski.

Für den ANTHEA-Verlag, gegründet im November 2011 von Detlef Stein und seiner bulgarischen Ehefrau Margarita. Er setzt seine verlegerischen Schwerpunkte in den Bereichen Belletristik, Berlin und Biografien.

Und für den Weißensee Verlag, der Publikationen für Wissenschaft und Forschung herausgibt. Ihn übernahm Detlef Stein 2015, nachdem der vorherige Verleger in den Ruhestand gegangen war.

„Eine Riesenherausforderung“

Anthea, die lateinische Schreibvariante des griechischen Namens Antheia, kann als “Die Aufblühende” übersetzt werden. Der ANTHEA Verlag liegt Detlef Stein zweifellos besonders am Herzen. Um alle anfallenden Verlagsarbeiten kümmert sich das Ehepaar selbst – bis heute eine Riesenherausforderung, sagt der Herausgeber. „Aber wir haben uns Stabilität erwirtschaftet.“ Margarita Stein, studierte Ökonomin, sorgt für den Vertrieb. Sie kontaktiert die Buchhändler, arbeitet aber auch mit Grossisten zusammen und bietet die Bücher über amazon an. Zudem macht die Geschäftsfrau die Abrechnung, den ganzen Schriftverkehr und gefühlte tausend weitere Arbeiten im Verlag. Ihren späteren Mann lernte Margarita kennen, als dieser Bulgarien bereiste. Heute haben die Eheleute zwei Kinder. Sohn David kam 1989 zur Welt, Tochter Vanessa macht gerade ihr Abi am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium an der Frankfurter Allee. „Meine Frau hat mir am 1. März ein Fruchtbarkeitsband geschenkt“, erzählt der 56-Jährige und es klingt immer noch verliebt. Das Band hängte er, einer alten Tradition auf dem Balkan folgend, an einen Baum. Dort bleibt es bis die erste Schwalbe gesehen wird. Dann kann sich der Mann etwas wünschen.

Belletristik – einfach schöne Literatur

ANTHEA ist Mitglied der Gemeinschaft der Independent Verlage, unabhängig von Konzernen. „Fermate der Hoffnung“ heißt eine der jüngsten Neuerscheinungen von 2018. Ulrich Grasnick schrieb die Hommage an den Poeten und französischen Maler russisch-jüdischer Herkunft Marc Chagall. Ein kleiner, feiner Gedichtband in Deutsch und Russisch. Ein Jahr zuvor gab ANTHEA unter anderem die Bachnovelle „Fantasie & Fuge“ heraus, ein 101-Seiten-Paperback als Annäherung an Maria Barbara Bach. Johann Sebastian Bachs erste Frau blieb der Nachwelt ansonsten nämlich anonym. Geschrieben wurde das kleine Werk von dem Lichtenberger Musik- und Gitarrenlehrer Jürgen Ziergiebel.
„Wilhelmine – Eine Liebe in Preußen“ von Andreas Grothusen ist eines der Bücher, die 2016 verlegt wurden. Eine erschütternde Liebesgeschichte am Preußischen Hof des 18. Jahrhunderts.

Ein rühriger Unternehmer

Im Herzen Berlins, dem Nikolaiviertel, unterhält ANTHEA ein zweites Büro – die Bücherstube im Lessinghaus. „Wir wollen mit unserer Verlagsgruppe und ihren Büchern von Lichtenberg in das Zentrum Berlins hineinstrahlen“, sagt Detlef Stein, der auch Mitglied der Goethe-Gesellschaft in Weimar ist. Seit 2012 organisiert er Lesungen und Vorträge im Rahmen des Lessing-Literatursalons. Gerade bereitet der Verleger Veranstaltungen im Rahmen der Europawoche vom 2. bis zum 15. Mai vor. „Ohne die Europäische Union wäre es für viele Länder Osteuropas nicht so gut gelaufen“, sagt Stein, der zugleich ehrenamtlicher Leiter des Osteuropa Zentrums Berlin e.V. (OEZ Berlin) und Vorstand im Bürgerkomitee „15. Januar“ ist, dem 1991 gegründeten Verein zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. „Es kann nicht sein, dass 30 Jahre nach den Friedlichen Revolutionen jetzt der Rückwärtsgang eingelegt wird.“ Mit Publikationen seiner Verlagsgruppe will er sich dagegen stemmen. Eine Lesereihe mit anschließenden Diskussionsrunden veranstaltet Detlef Stein gemeinsam mit dem Autor, Kulturwissenschaftler und Literatur-Kritiker Dr. Martin André Völker auch im Kulturhaus Karlshorst an der Treskowallee 112.

Für Dezember bereitet der rührige Verlagschef gerade die dritte Buchverkaufsmesse “Berolina” vor, die er alle zwei Jahre organisiert. Dort präsentieren Autoren von rund 70 Verlagen auf mehreren Lesebühnen ihre neuesten Bücher. Themen sind die Europäische Geschichte, Kultur und Politik. Auf dem Programm stehen Belletristik, Lyrik, Berlin-Literatur und Biografien. Zweimal fand die Messe ebenfalls im Kulturhaus Karlshorst statt, nun ist Stein noch auf der Suche nach einem neuen Standort.

Der Aufklärung eng verbunden

Viele Bücher der ANTHEA Verlagsgruppe erscheinen in polnischer, tschechischer, bulgarischer russischer und ungarischer Sprache. Oft sind es Klein- und Kleinstauflagen, Paperbacks bis ca. 800 Exemplare und Hardcover bis etwa 300 Buchexemplare.

Detlef Stein fühlt sich Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, den Wegbereitern der deutschen Aufklärung und ihren Idealen wie Toleranz und Gleichberechtigung besonders eng verbunden. „Es ist wichtig, dass wir die deutsche und europäische Klassik im Gedächtnis behalten“, so der Verleger. Die nächsten Neuerscheinungen bei ANTHEA stehen schon fest: Spätestens im Mai soll der zweite Band der Lessing-Reihe „Minna von Barnhelm“ herauskommen, im Mai eine Neuauflage von „Nathan der Weise“ und im Herbst ein Buch über Moses Mendelssohn.

 

 

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