Zwischen Stadt und Land

Angekommen

06.11.2016, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

In den zehn Jahren, die wir mit neun anderen Mietparteien in Alt-Hohenschönhausen Tür an Tür wohnten, hatten wir zu den Nachbarn kaum Kontakt. Am ehesten kamen wir ins Gespräch, wenn wir mal wieder ein Paket abholten. Bis auf „guten Tag“ oder „ach Gott, das ist aber schwer“ haben wir jedoch kaum nennenswerte Worte miteinander gewechselt. Erst als unser Umzugs-Kleintransporter regelmäßig vor der Tür parkte und den Zugang zum Müllhäuschen versperrte, gab es längere Konversationen. „Sie ziehen wohl aus“, analysierten unsere Nachbarn treffend. Dabei blieb es dann aber auch. Insofern fiel uns der Abschied von der Hausgemeinschaft nicht schwer.

Hin und wieder wollen unsere in der Großstadt lebenden Freunde und Bekannten wissen, wie es sich denn „da draußen“ lebt. Wir berichten dann von der unbezahlbaren Ruhe und davon, dass viele Häuser im Dorf dunkel sind, wenn wir spätabends von der Arbeit kommen. Dass wir keine Kneipe haben und sich das gesamte gesellschaftliche Leben im Ort bei der Freiwilligen Feuerwehr und der Frauen Yoga-Gruppe abspielt. Man muss diese Abgeschiedenheit wollen. Wir wussten, worauf wir uns einlassen.

Dabei ist es bei uns auf dem Dorf alles andere als langweilig. Anfang des Jahres haben wir bei der Fastnacht mitgemacht, uns in lustige Kostüme gezwängt und sind mit vielen anderen Alteingesessenen von Haus zu Haus gezogen. In Berlin hätten wir uns in Grund und Boden geschämt. Hier auf dem Land zwischen Oder und Spree war uns das egal. Und für den Einstand auf dem Lande war die Sause nicht schlecht: Überall gab es ein Schnäpschen, etwas zu Essen und auch mal ein Tänzchen zur Musik der eigens engagierten Blaskapelle.

Seitdem trifft man sich immer wieder, entweder bei Polterabenden, auf Geburtstagen, beim Dorffest oder – was einen Teil von uns beiden betrifft – bei der Freiwilligen Feuerwehr. Mit den Nachbarn sitzen wir oft am Lagerfeuer oder gehen an den Wochenenden auf Städtereise. So viel lässt sich inzwischen sagen: In einem Jahr Landleben haben wir teilweise mehr erlebt als in 24 Monaten Großstadt.

Es hat nicht lange gedauert, bis wir für uns feststellten: Wir sind angekommen. An manchen Tagen kommt es uns so vor, als hätten wir niemals woanders gelebt. Nur hin und wieder holen uns die Alteingesessenen auf den Boden der Tatsachen zurück. Meist, wenn sie ihre Sätze mit den Worten „Ihr Berliner…“ beginnen.

 

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