Velotaxi und bboxx aus Marzahn erobern die Welt

Am Broadway und in der Ginza

30.11.2016, Birgitt Eltzel

Fotos: Veloform (1-3), Birgitt Eltzel (4-12). Zum Vergrößern und für die Bildtexte bitte auf das Startbild klicken.

Marzahn. Dass mittlerweile auf allen Kontinenten Velotaxis aus Marzahn Fahrgäste zu touristischen Anziehungspunkten bringen, hat wohl auch etwas mit den bekannten Plastikbausteinen für Kinder einer dänischen Firma zu tun. Den bunten Würfeln, Quadern, Rundelementen und anderen Bauteilen hatte Dr. Anselm Franz (48), gemeinsam mit Stefan Kruschel Gründer und Geschäftsführer der Firma Veloform, schließlich schon in frühester Kindheit eine Erkenntnis zu verdanken: Aus vorhandenen Komponenten kann man etwas bisher nie Dagewesenes schaffen – die richtige Idee natürlich vorausgesetzt.

400.000 Fahrgäste jährlich in Berlin

Diese war dem promovierten Diplomingenieur für Verfahrenstechnik, der früher in der Wasserwirtschaft bei RWE tätig war, und seinem Kompagnon Kruschel, Diplomingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, im Jahr 2000 gekommen. Bislang wurden in vielen Ländern der Erde Touristen und andere Fahrgäste per Rikscha chauffiert – eine schweißtreibende und ermüdende Angelegenheit für die Fahrer, nicht immer angenehm für die Fahrgäste. „Wir haben die Sklavenarbeit durch moderne Technik ersetzt“, sagt Dr. Franz. Denn die patentierten Velotaxis werden durch einen Elektromotor angetrieben, der Fahrer muss nur noch wenig strampeln. Zudem sitzt er in dem Dreirad bequem vor den Fahrgästen in einer an den Seiten offenen, ein wenig futuristisch anmutenden Kabine aus Plastik. Insgesamt 2.800 solcher Fahrzeuge verkehren derzeit in 60 Ländern. Sie gehören auf dem New Yorker Broadway ebenso zum Straßenbild wie in der Ginza, dem elegantesten Viertel von Japans Hauptstadt Tokio. Und sie sind natürlich am Brandenburger Tor in Berlin zu sehen. Allein in Berlin werden laut Franz jährlich von 250 Velotaxis rund 400.000 Fahrgäste befördert. Die Betreiber verdienen ihr Geld mit Werbung an den Fahrzeugen. Zunehmend werden dafür auch elektronische Anzeigen genutzt. Die Fahrer sind Franchisenehmer und behalten die Einnahmen aus der Beförderung. Ein Velotaxi City Cruiser wird für rund 10.000 Euro verkauft.

Längst Nachwuchs bekommen

Montiert werden die Velotaxis in einer großen Halle an der Marzahner Chaussee 225, wo sich seit 2010 auch der Firmensitz des mittelständischen Unternehmens mit 15 Mitarbeitern befindet. Aus dem früheren Gebäude an der Lichtenberger Siegfriedstraße war die Firma ausgezogen, weil sie mehr Platz brauchte. Denn die Velotaxis bekamen Nachwuchs – es gibt sie inzwischen auch als Lieferfahrzeuge und als E-Bike mit Spezialanhänger. Alle Fahrzeuge werden nicht nur als Beförderungsmittel in den Citys eingesetzt, sondern auch auf Messen und Promotionsveranstaltungen. Das Günstige: Erlaubt ist der Betrieb überall dort, wo Fahrräder verkehren dürfen, also auch auf für Autos gesperrten Flächen wie beispielsweise dem Pariser Platz. Genehmigungen der Behörden für den Einsatz im jeweiligen Stadtbereich sind allerdings erforderlich. Schließlich ist ein Velotaxi für drei Personen konstruiert, auf einem herkömmlichen Fahrrad dürfen maximal ein Erwachsener und ein Kleinkind sitzen. Zudem muss die Verkehrssicherheit attestiert werden, was in manchen Ländern seine Zeit braucht. „In der Schweiz hat das sechs Jahre gedauert“, erzählt Geschäftsführer Franz. Und in Neuseeland wurden Elektroantriebe mit geringerer Leistung gefordert.

Hotels in der Box

Ein neues Geschäftsfeld kam für das Unternehmen im Jahr 2004 dazu, die bboxx. Die Produktpalette umfasst mobile Türme und flexible Räume – meist ebenfalls mit Werbung an den Außenflächen. Sie sind vielfältig verwendbar und dienen als Messe- und Infostände, als Aussichtstürme, Imbisse oder andere Kioske, häufig gekoppelt mit Geldautomaten. Auch als Gartenhäuser und Saunas können sie genutzt werden. Im Jahr 2014 wurde sogar das erste Hotel aus den Zylindern gebaut, das Qbe-Hotel Heizhaus nahe dem S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost, LiMa+ berichtete. Das ist inzwischen übrigens vom Reiseführer Marco Polo als eines der zehn originellsten Hotels Deutschlands gelobt worden. Im Sommer 2016 wurden weitere Hoteltower, die jeweils Platz für zwei Gäste bieten (eine Aufbettung möglich), am Holi Hostel &Hotel in der Lichtenberger Wönnichstraße eröffnet. Diese sind etwas luxuriöser als die Erstlinge – sie verfügen über eigene Dusche und WC und sogar über Fußbodenheizung, dafür allerdings anders als die Marzahner nicht über Dachgärten.

Hoteltower bekommen Zuwachs

Ihren Ursprung haben die Tower übrigens in einem Eigenbau. Anselm Franz, Vater von vier Kindern, hatte seiner Familie einen Turm für ein Wassergrundstück in Sachsen-Anhalt geschenkt. Inspirieren ließ er sich dazu von Bauwerken aus der Wasserwirtschaft, seinem ursprünglichem Arbeitsgebiet. „Alle haben gesagt: Toll, da kann man doch noch mehr draus machen“, erzählt er. Inzwischen gibt es rund 1.500 bboxen, die zum größten Teil in Deutschland eingesetzt werden. Auch auf der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Berlin 2017, die in Marzahn-Hellersdorf stattfindet,  werden sie zu finden sein. In Frankreich und der Schweiz werden die Großzylinder aus Stahlbeton ebenfalls genutzt. Die Hoteltower sollen bald Zuwachs bekommen. Gerade wird bei Veloform über ein Jugendhotel in Norddeutschland getüftelt. Dr. Franz zeigt auf seinem Laptop einen Entwurf: Eine Reihe von Towern, die oberen Etagen verbunden durch eine Holzbrücke. Ein wenig mutet es an wie aus dem Baukasten der dänischen Plastikspielzeug-Firma: Aus herkömmlichen Komponenten entsteht etwas ganz Neues.

 

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