Zwischen Stadt und Land

Ab ins Wasser

25.06.2017, Marcel Gäding

Wenn es draußen so richtig warm ist, sehnt sich der Mensch nach einer Abkühlung. Das ist in Berlin keine einfache Sache. Es fehlt – vor allem in den Ostbezirken – an Freibädern. Als wir noch zur Schule gingen, nutzten wir die Ferien, um mit der Straßenbahn, dem Bus oder der S-Bahn eine gefühlte Weltreise zum nächsten See anzutreten. Schon damals fühlten wir uns in den wenigen Badeanstalten unwohl. Vor allem wegen der vielen Menschen dort. Da lohnte es sich, weite Wege in Kauf zu nehmen, manches Mal sogar bis in die Schorfheide oder ins Ruppiner Land. Später – kaum, dass wir unseren Führerschein hatten – ging es an jedem freien Tag ins Grüne und ans Wasser.

Bevor wir seinerzeit aufs Land zogen, hatten wir ein Privileg, um das uns Freunde und Kollegen beneideten: Ein kleines Wochenendhäuschen, keine 200 Meter entfernt von einem Dorfsee. Es gab Tage, da sind wir an den Wochenenden schon bis zu dreimal am Tag ins Wasser gesprungen. Gesonnt haben wir uns auf der eigenen Terrasse. Sonntags war die Wehmut groß, wenn es zurück in die Stadtwohnung ging und wir wussten, dass wir erst wieder in frühestens fünf Tagen zum geliebten Haus am See fahren. Nach Feierabend durchsuchten wir die Angebote einschlägiger Immobilienportale. Unser Entschluss stand lange fest: Die Gegend, in der es zwischen den Kiefernwäldern unzählige Seen gibt, soll unsere Heimat werden. Nach gut einem Jahr wurden wir fündig. Ein Haus in einem kleinen Dorf mit eigenem Wald und freundlichen Nachbarn, die inzwischen unsere Freunde sind.

Nur das mit dem See vor der Tür hat nicht geklappt. Auch 70 Kilometer von Berlin entfernt sind Grundstücke mit Wasserzugang für kleine Leute unbezahlbar. Und dennoch brauchen wir bis zu eigenen Badestelle nur wenige Meter laufen: ein Schwimmteich mit Seerosen, Schilfgürtel und aktuell 22 Grad warmem Wasser. Der Luxus des kleinen Mannes, aber auch von Stockenten, Tauben und Fröschen, die sich am und im Wasser aufhalten. Während wir im vergangenen Jahr, auch dank nachbarschaftlicher Hilfe, das kleine Gewässer erst einmal gründlich entschlackten (sechs Jahre wurde das kleine Tümpelchen nicht gepflegt), genießen wir es nun, spontan die Badesachen anzuziehen und uns an diesen zuweilen heißen Tagen genüsslich zu erfrischen. Dabei vergessen wir schnell, dass so ein Teich mächtig viel Arbeit macht. Ein Aufwand, der sich jedoch lohnt.

Was für uns Menschen ein Segen bedeutet, ist für andere zuweilen ein Fluch. Eine unserer Stadtkatzen, die wir gerade an den Freigang gewöhnen, macht seit einigen Tagen einen großen Bogen um unseren Teich. Auf einer ihren ersten Expeditionen führte ihre Neugier so nah ans Ufer, dass sie sich beim Anblick der im Schilf liegenden Nachbarskatze erschrak und prompt ins Wasser fiel. Nur durch das beherzte Eingreifen unserer stets aufmerksamen Lieblingsnachbarin wurde das arme Tier vor dem Ertrinken gerettet: Ein gekonnter Griff und schon war der nasse Minitiger wieder an Land. Der eilig vom Lieblingsnachbarn herbeigeholte Käscher kam nicht zum Einsatz. Noch leicht unter Schock rubbelten wir die Arme erst einmal mit dem Handtuch trocken. Um den Rest der Fellpflege kümmerte sich die Gerettete selbst.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Irgendwo in seinem Schreibtisch hat er noch aus DDR-Zeiten das Abzeichen „Schwimmstufe 2“.

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