Erneut alarmierende Befunde bei den Einschulungsuntersuchungen

60 Prozent Förderbedarf

14.05.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Erschreckende Werte bei den Einschulungsuntersuchungen 2016/17: 60 Prozent der Jungen und Mädchen erhielten eine schulische, 16 Prozent sogar eine sonderpädagogische Förderempfehlung. Bei Problemen mit der Visuomotorik hat Marzahn-Hellersdorf den höchsten Wert aller Berliner Bezirke, bei der sprachlichen Entwicklung zeichnet sich ein Negativtrend ab. Fast jedes dritte Kind weist sowohl in der Visuomotorik (Koordinierung von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat) als auch bei den sprachlichen Fähigkeiten erhebliche Entwicklungsauffälligkeiten auf. Das geht aus dem Bericht über die Eischulungsuntersuchungen 2016/17 hervor, den das Bezirksamt im April der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zur Kenntnis gab.

Der Trend verfestigt sich

Die Entwicklung ist so neu nicht. Bereits im vergangenen Jahr berichteten wir von den Ergebnissen 2015/16, sprachen über alarmierende Sozialdaten mit Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke). Schon damals zeigte sich ein ernüchterndes Bild mit gewaltigen Problemen in Teilen der Großsiedlung. Der Trend verfestigt sich jetzt immer mehr.

Arme Großsiedlungen, gut situierte Dörfer

Fast jedes vierte Kind in Marzahn-Hellersdorf lebt in schwierigen sozialen Verhältnissen, Tendenz steigend. In den Großsiedlungen liegt der Anteil von Mädchen und Jungen aus sozial schwierigen Familien bei über 30 Prozent. Am höchsten ist er mit 34,4 Prozent in Hellersdorf-Nord, gefolgt von Marzahn-Nord (32,2 Prozent), Marzahn-Mitte (31,5 Prozent) und Hellersdorf-Ost (29,9 Prozent). Marzahn-Süd (17,9 Prozent) und Hellersdorf-Süd (21,3 Prozent) liegen in der Mitte. In den gut situierten Siedlungsgebiete leben nur wenige Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen: Biesdorf (4,1 Prozent), Kaulsdorf (8,6 Prozent) und Mahlsdorf (1,1) Prozent. Dort steigt der Anteil von Kindern in besser situierten Familien sogar weiter an – auch ein Ausdruck des gegenwärtigen Baugeschehens dort, wo vor allem Eigenheime und Eigentumswohnungen bzw. nicht geförderte Mietwohnungen entstehen.

32,5 Prozent mit sprachlichen Defiziten

Die durchschnittlich schlechten Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen, insbesondere bei den sprachlichen Fähigkeiten, lassen sich nicht allein mit der zunehmenden Zahl von Migranten begründen. Zwar hat jedes vierte Kind einen Migrationshintergrund (am häufigsten Russlanddeutsche bzw. Vietnamesen und Polen, inzwischen auch Kinder aus dem arabischen Raum), doch im Berliner Vergleich ist das der zweitniedrigste Wert aller Bezirke. Unzureichende Deutschkenntnisse wurden bereits 2013, also vor dem Zustrom von Geflüchteten, bei den Einschulungsuntersuchungen konstatiert,(31,1 Prozent, wie auch 2016/17). Sprachdefizite wurden 2013 noch 30,5 Prozent festgestellt, inzwischen haben 32,5 Prozent der untersuchten Kinder sprachliche Defizite.

Höchster Anteil an Alleinerziehenden

Der Anteil der Alleinerziehenden in Marzahn-Hellersdorf liegt bei knapp 35 Prozent, mit leicht fallender Tendenz. Das ist jedoch noch immer der höchste Wert aller Berliner Bezirke. In Hellersdorf-Nord wächst fast jedes zweite Kind mit nur einem Elternteil auf (46,7 Prozent). 60,9 Prozent der Kinder dort leben in Raucherhaushalten. 8,5 Prozent der untersuchten Mädchen und Jungen im Hellersdorfer Norden sitzen täglich mehr als zwei Stunden vor dem Fernseher. 13,1 Prozent von ihnen haben Übergewicht, 20,6 Prozent bereits sanierungsbedürftige Zähne ( mit 31,8 Prozent liegt allerdings Marzahn-Nord dabei an der Spitze).

Ein QM beantragt, ein anderes wird abgewickelt

Vier Ausschüsse der BVV werden sich jetzt mit dem Thema beschäftigen: Jugendhilfeausschuss, Schule, Soziales sowie der Ausschuss für Stadtentwicklung. Wie Bürgermeisterin Pohle dem Bezirksparlament im April mitteilte, hat sich das Bezirksamt für die Neueinrichtung eines Quartiersmanagements (QM) im sozial schwierigen Hellersdorfer Norden (Alte Hellersdorfer Straße) sowie für die Vergrößerung des QM-Gebiets Hellersdorfer Promenade eingesetzt. Ein Beschluss des Senats ist Herbst 2019 zu erwarten. Im nahezu ebenso sozial schwierigen Norden von Marzahn geht der Senat von der sogenannten „Verstetigung“ des seit 1999 bestehenden QM aus – das heißt, das Verfahren wird abgewickelt. Wie die Projekte zur Aktivierung und Unterstützung der Bewohner dort dann weitergeführt bzw. neue initiiert werden, ist derzeit noch unklar.

 

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